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  • Abteilung 8
    23.07.2015
    Präsentation des Jahrbuchs „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2014“ in Isny
     Holzkonstruktion eines Erdkellers mit vergrößertem Detail der Treppe

    ​Die Präsentation des vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart herausgegebenen Jahrbuchs „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2014“ fand heute in Isny im Museum am Mühlturm statt. Eine wunderbare Kulisse für die Buchvorstellung boten auch die Grabungen auf dem Areal „Hofstatt“ in Isny. Interessierte konnten nach der Buchpräsentation noch eine Führung entlang der die stadtarchäologischen Entdeckungen  mitmachen.

    Die 2012 begonnenen Ausgrabungen in Isny waren wegen eines umfassenden Sanierungsprojektes im Bereich „Hofstatt“ notwendig geworden. Insgesamt wird gerade ein Areal von knapp 6.000 Quadratmetern archäologisch untersucht. Die Flächen gehören zu einem Quartier, das sich nach einem verhängnisvollen Stadtbrand 1631 nie wieder richtig von der Katastrophe erholt hatte. Für die Archäologen ein Glücksfall, da die Flächen nach dem Brand nicht abgeräumt, sondern großflächig geebnet und neu bebaut wurden. So erbrachten die  Ausgrabungen Belege für eine dichte Bebauung ins Isny, die sich über die Jahrhunderte entwickelt hatte. Brunnen, Latrinen, Keller und reiches Fundmaterial zeugen vom Alltag  vor dem großen Brand. Diese – ebenfalls bis ins Mittelalter zurückgehenden Befunde ¬– sind erhalten geblieben, da die Stadt im Zweiten Weltkrieg auch von Bomben weitegehend verschon blieb.

    Als „Hausherr“ begrüßte Rainer Magenreuter, Bürgermeister von Isny, die anwesenden Gäste und verwies auf den hohen Stellenwert der stadtarchäologischen Grabung: „Isny ist seit drei Jahren ein Nabel der Archäologie in Baden-Württemberg.“ Spürbar sei dies auch in der sehr guten Zusammenarbeit zwischen dem Grabungsteam des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart  und der Stadt Isny. Gemeinsam hatte man auch die Ausstellung über die Grabung im Museum am Mühlturm ausgearbeitet und vorbereitet. „Die Arbeit der Archäologen werden von der Isnyer Bevölkerung mitverfolgt, nicht nur im Rahmen der Führungen.“ Denn die Grabungen gäben Einblick in die reichhaltige Isnyer Geschichte.

    Prof. Dr. Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, führte in seinem Grußwort aus: „Die Archäologischen Ausgrabungen in Baden-Württemberg‘ sind seit Jahrzehnten eines der Flaggschiffe in der Vermittlung der Anliegen der Landesdenkmalpflege. Dies zeigt auch die aktuelle Ausgabe in beeindruckender Weise. Einmal mehr wird dadurch der hohe Standard unserer Landesarchäologie unterstrichen.“

    Der Band des Jahres 2014 enthält 92 Beiträge aus allen Bereichen der Landesarchäologie. Moderne archäologische Untersuchungsmethoden werden ebenso anschaulich präsentiert wie wissenschaftliche Forschungsprojekte wie auch die Ausgrabungen in ihrer ganzen Bandbreite. Auszüge aus dem Inhalt:

    • Am Hohle Fels bei Schelklingen konnten geschnitzte Elfenbeinfragmente geborgen werden, die wahrscheinlich von einer zweiten altsteinzeitlichen „Venusstatuette" stammen
    • An der Alte Burg bei Langenenslingen wurde eine monumentale, aus Kalksteinen gesetzte frühkeltische Befestigungsmauer aus dem 6. Jahrhundert v.Chr. entdeckt
    • Eine Flächengrabung bei Cleebronn erbrachte neben zahlreichen Befunden von der Steinzeit bis zum Mittelalter einen römischen Friedhof, u.a. mit den Resten eines außergewöhnlichen Pfeilergrabnnals mit qualitätvollen Großplastiken
    • Im Zuge der Erdarbeiten für das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 kamen u.a. Töpfer- und Ziegelöfen der Römerzeit sowie Teile eines bisher unbekannten barocken Bauwerks zutage
    • Die großflächigen Ausgrabungen in Isny lieferten weitere Funde und Befunde mit hervorragender Holzerhaltung aus der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt
    • Auf dem Münsterplatz in Freiburg wurde der mittelalterliche Friedhof mit rund 500 Bestattungen freigelegt


    Den Erfolg des Buches und die Begeisterung der Öffentlichkeit für die Archäologie unterstrich auch Prof. Dr. Dirk Krausse, Landesarchäologe des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, bei seinen Ausführungen: „2014 war ein sehr ereignisreiches Jahr für die Archäologische Denkmalpflege: noch nie musste das Landesamt für Denkmalpflege auf Grund des hohen Bauaufkommens so viele Rettungsgrabungen durchführen wie im letzten Jahr und noch nie war unser Jahrbuch so dick.“

    Stefan Brückner, Programmleiter THEISS Regionalia der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, verwies auf die Erfolgsgeschichte der „Archäologischen Ausgrabungen“ hin: „Die Reihe ,Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg‘ feiert dieses Jahr ihr 40. Jubiläum: Vor genau 40 Jahren, im Jahr 1975, erschien der 1. Band.“  Die Reihe erscheine inzwischen in einer Auflage von rund  6000 Exemplaren – dies zeige das große Publikumsinteresse an der Archäologie, sie richte sich sowohl an den interessierten Laien wie auch an die Fachwelt.

    Einen Einblick in die Grabung und deren Ergebnisse gab Dr. Jonathan Scheschkewitz, Mittelalterarchäologe beim Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Die inzwischen auf knapp 6000 Quadratmeter angewachsene Grabungsfläche, direkt an die obere Stadtmauer grenzend, erlaubt einen differenzierten Blick in die Isnyer Stadtgeschichte. Durch die geplante Sanierung der südlichen Altstadt fanden im Vorfeld der vorgesehenen Baumaßnahmen umfangreiche Rettungsgrabungen im historischen Zentrum von Isny statt. Das betroffene Stadtviertel hatte sich nach einem verheerenden Stadtbrand 1631 nie wieder richtig von dessen Folgen erholt und ist bis heute durch viele Freiflächen und eine einfache Bebauung gekennzeichnet. Dabei handelt es sich um ein Areal, das große Bedeutung für die Ursprünge der Stadt besitzt. Der Bereich „Hofstatt“ war dem 1042 erstmals erwähnten Fronhof der Grafen von Vehringen in Verbindung gebracht worden und galt damit als eine der Keimzellen der Stadt.
    Erfasst wurden verschiedene steinerne und hölzerne Keller, daneben verschieden Brunnen und Latrinen, allesamt in die Zeit vor dem Stadtbrand von 1631 zu datieren. Aus einer Latrine wurden insgesamt Fragmente von über 100 Gläser geborgen. Etwa zehn Exemplare konnten unzerbrochen, viele nur wenig zerscherbt, geborgen werden.

    Insgesamt ließen sich über 30 Exemplare nahezu vollständig restaurieren. Es handelt sich hauptsächlich um Trinkgläser, genauer um sogenannte Krautstrünke und Stangengläser. Die aus der 1. Hälfte des 16. Jh. stammenden Gläser sind einer der Hauptattraktionen der Ausstellung „Unter Schutt und Asche“ im Museum am Mühlturm. Gegenwärtig sind sie jedoch in der Ausstellung „Glasklar“ im Archäologischen Landesmuseum in Konstanz zu sehen.

    Unter dem Brandschutt der Katastrophe von 1631 haben sich die Pflasterungen von Straßen und Innenhöfen zusammen mit den Grundmauern der abgebrannten Gebäude erhalten, die einen tiefen Einblick in die Gestalt des Areals im 17. Jahrhundert vermitteln. Daneben kamen mehrere Keller mit Belegen textilen Gewerbes zutage, dessen Existenz bereits im frühen 14. Jahrhundert urkundlich in Isny belegt ist. Die erfassten Reste von Trittwebstühlen konnten aufgrund der guten Holzerhaltung teilweise auf die Jahre direkt vor dem großen Stadtbrand datiert werden.

    Die gute Holzerhaltung geht auf das hoch anstehende Schichtwasser zurück, das offensichtlich auch der Vergangenheit zu Problemen geführt hat. Um Keller und Gruben trocken halten zu können, durchziehen Drainagegräben das ganze Areal.
    Zusammenfassend konnte zwar einige vorstadtbrandzeitliche Siedlungsphasen getrennt werden, sie reichen jedoch frühestens bis ins späte 13./frühe14. Jahrhundert zurück. Einer Aufsiedlung im 15./16. Jahrhundert folgt im Bereich der „Hofstatt“ wohl erst im fortgeschrittenen 16./frühen 17. Jahrhundert eine flächige Bebauung mit gepflasterten Wegen. Eine Keimzelle ist somit archäologisch heute auszuschließen. Vielmehr wird eine Aufsiedlung im Zuge einer Stadterweiterung fassbar, die damit eine deutlich komplexere Siedlungsentwicklung wiederspiegelt, als ursprünglich angenommen.

    Nach einem Rundgang über das Grabungsgelände mit Erläuterungen zu den aktuellen Untersuchungen, geführt von Dr. Scheschkewitz und dem Grabungsleiter Martin Strotz, ebenfalls Landesamt für Denkmalpflege, lud die Stadt Isny zu einem Umtrunk ein.

    Hintergrundinformationen

    Allgemeine Informationen zur archäologischen Denkmalpflege finden sich unter www.denkmalpflege-bw.de und www.theiss.de.

    Informationen zum Buch

    Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2014
    Hg. v. Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, dem Achäologischen Landesmuseum, dem Förderkreis Archäologie in Baden und der Gesellschaft für Archäologie in Württemberg und Hohenzollern e.V.
    ISBN 978-3-8062-3212-7
    Stuttgart 2015; Theiss Verlag, Darmstadt
    368 S. mit 249 Fotos, Plänen und Zeichnungen
    21,95 Euro


    Isny: Kupfergefäße des Brunnens aus Fläche 4 a
    Kupfergefäße des Brunnens aus Fläche 4 a

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