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  • Abteilung 8
    23.02.2016
    Archäologische Denkmalpflege Baden-Württemberg - Archäologen und Restauratorinnen des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart präsentierten spektakulären Fund: Rekonstruierte Maske aus der Jungsteinzeit
    Die Maske ist eines der Highlights der Großen Landesausstellung „4.000 Jahre Pfahlbauten“, die das Archäologische Landesmuseum Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege vom 16. April bis 9. Oktober 2016 ausrichtet

    Die Archäologen und Restauratorinnen des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart präsentierten heute in Bad Schussenried am Fundort im südlichen Federseemoor eine jungsteinzeitliche Maske.

    Es handelt sich um die rechte Gesichtshälfte einer aus Ton gebrannten Maske mit zwei randlichen Löchern zur Befestigung vor dem Gesicht. Hierzu der Archäologe Dr. Helmut Schlichtherle, Landesamt für Denkmalpflege: „Meine Versuche, das Keramikfragment zeichnerisch zu einem Gefäß zu ergänzen, scheiterten an den irregulären Formen. Erst als ich das Objekt spiegelbildlich ergänzte, wurde das Maskengesicht sichtbar."

    Das Objekt wurde von den Spezialisten des Landesamtes für Denkmalpflege digital dokumentiert und durch eine spiegelverkehrte Rekonstruktion ergänzt, sodass das gesamte Mittelfeld des Gesichtes wieder gewonnen werden konnte.

    Der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, Prof. Dr. Claus Wolf, unterstrich: „Auch nach mehr als 150 Jahren Pfahlbauforschung gibt es hier noch immer bedeutende Entdeckungen von internationaler Tragweite. Der Einsatz modernster Technologien und Forschungsmethoden – wie hier 3D-Scans – machen es möglich, bislang rätselhafte Funde zu entschlüsseln."

    Bisher gab es erst zwei Gesichtsmasken des Neolithikums in Europa (Ungarn, Rumänien), die sehr schematische Züge tragen. Im Gegensatz dazu zeigt die Maske von Schussenried eine eher naturalistische Physiognomie mit eingefallener Unterlippe, also vermutlich das Gesicht eines Toten. Die Maske gehört deshalb wahrscheinlich in den Zusammenhang der Ahnenverehrung.

    Der sensationelle Fund wird zurzeit näher erforscht und für die große Landesausstellung 2016 „4.000 Jahre Pfahlbauten“, gemeinsam ausgerichtet vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg und dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, in Bad Schussenried und Bad Buchau vorbereitet, auf der er ein besonderes Highlight darstellen wird.

    Der Fund hat eine zweifache Entdeckungsgeschichte. Er wurde bereits in den 1960er-Jahren vom Federseeforscher Ernst Wall am Rande der Pfahlbausiedlung „Riedschachen“ ausgegraben, aber er konnte sich aus dem Keramikfragment noch keinen Reim machen. Erst bei einer erneuten Durchsicht seiner Funde 2014 entdeckten die Archäologen in der Dienststelle für Feuchtbodenarchäologie in Hemmenhofen die Gesichtsdarstellung.

    Zur Datierung wurden anhaftende Moorreste und Keramikproben entnommen. Die gewonnenen 14C- Daten und mit dem Thermolumineszenzverfahren durchgeführte Untersuchungen belegen eindeutig das neolithische Alter des Fundes. Da E. Wall die Fundstelle genau verzeichnete, wurde die Fundschicht im Zuge einer Nachgrabung wieder aufgedeckt. Es handelt sich um einen Spülsaum des Federsees im Randbereich der Siedlung Riedschachen, aus dem weitere Keramikfunde aus dem Zeitraum 4200-3700 v.Chr. geborgen wurden. Die Maske gehört somit in die Phase des sogenannten Jungneolithikums, also in die frühe Zeit der Pfahlbauten am Federsee.


    Fotos des Maskenfragments, der Rekonstruktion und des Fundortes können heruntergeladen werden. Die Navigation: Denkmalpflege B-W Startseite > Publikationen und Service > Service > Presse/Öffentlichkeitsarbeit > PressemitteilungenNachweis: „Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart“.

    Bildnachweise:

    Abb. 1 Innenseite des Maskenfragmentes mit Beschriftung durch Ernst Wall. Foto: LAD, Monika Erne
    Abb. 2 Der Lageplan der Nachuntersuchungen mit Einzeichnung des Maskenfundes (Stern) im Vorfeld der Siedlungen von Riedschachen (rot gerastert). Nachlass Ernst Wall Nr. 565
    Abb. 3 Das Maskenfragment von Schussenried-Riedschachen und seine Ergänzung zur Gesichtsmaske. Foto und Streifenlicht-Scan: LAD, Monika Erne und Markus Steffen

    Abb. 4 Die Vorderseite der Maske und ihre spiegelbildliche Ergänzung. Foto: LAD, Monika Erne
    Abb. 5 Die Detailaufnahme aus dem Mundwinkel lässt den Ansatz der schräg nach innen ziehenden Unterlippe erkennen. Foto: LAD, Monika Erne

    Abb. 6 Neuerlicher Suchschnitt im Bereich des Maskenfundes bei Riedschachen im Oktober 2015. Foto: LAD, Helmut Schlichtherle
    Abb. 7 Profil im Bereich des Maskenfundes mit Mudde (a), fundführendem Schwemmtorf (b) und holzkohleführendem Torf (c). Foto: LAD, Helmut Schlichtherle

    Abb. 8 ergänzte Gesichtsmaske. Streifenlicht-Scan: LAD, Markus Steffen

    Besuchen Sie die Große Landesausstellung Baden-Württemberg zum UNESCO-Welterbe "Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen":


    Eine gemeinsame Ausstellung des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg und des Landesamtes für
    Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Federseemuseum Bad Buchau und den
    Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg

    Weiterführende Informationen:

    Auszug aus „Denkmalpflege  in Baden-Württemberg“ 1|2016: Beitrag Helmut Schlichtherle „Eine jungsteinzeitliche Maske aus Bad Schussenried „Riedschachen“ am südlichen Federsee. Ein sensationeller Fund“

    Die „Schussenrieder Pfahlbauten“ haben es seit ihrer sensationellen Entdeckung im Zuge der staatlichen Torfgewinnung 1875 und vor allem durch die groß angelegten Siedlungsgrabungen des Urgeschichtlichen Forschungsinstitutes der Universität Tübingen in den 1920er Jahren im Kreise der Archäologen zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Zwei archäologische Kulturen, die „Aichbühler Kultur“ (ca. 4200 v. Chr.) und die „Schussenrieder Kultur“ (ca. 3960-3850 v. Chr.), sind nach den jungsteinzeitlichen Dorfanlagen „Riedschachen“ und „Aichbühl“ im Steinhauser Ried auf der Gemarkung Bad Schussenried benannt, die hier am ehemals südlichen Ende des Federsees in einzigartiger Weise unter einem mächtigen Torfpaket die Jahrtausende überdauerten. Mehr als 35 Häuser mit substantiell erhaltenen Holzfußböden und Wandteilen, ausgestattet mit Kuppelbacköfen und Herdstellen, sowie bedeutsame Funde aus Keramik, Stein und Knochen, in einigen Fällen auch aus Holz und Textil sind ausgegraben und in mehreren Monographien vorgelegt worden. Nach neuerlichen Entdeckungen kann ein weiterer Superlativ mit dem Fundplatz verbunden werden: der Fund einer jungsteinzeitlichen Maske.

     

    Im Zuge moorgeologischer und pollenanalytischer Nachuntersuchungen im Bereich der altberühmten Fundstätten sondierte und bohrte der Federseeforscher Ernst Wall in den 1960er Jahren auch den südlichen Rand des Siedlungsareals von Riedschachen. Dabei kam bei „Loch 6“ aus Ablagerungen des Federsees ein merkwürdig geformtes Keramikobjekt zutage. Es wurde von ihm sehr sorgfältig beschriftet und ein genauer Lageplan der Sondierungsgrabungen hielt die Fundstelle fest. Das Keramikobjekt kam in die Sammlung von Belegstücken, die Wall aus seinen Sondagetätigkeiten angelegt hatte. Die besondere Bedeutung des Fundstückes blieb indessen lange Zeit verborgen.

    Erst im Zuge einer neuerlichen Sichtung der Dokumente und Funde im Nachlass Wall gelang 2014 die Identifikation des Stückes als Maske. Es handelt sich um das Fragment einer rechten Gesichtshälfte aus gebranntem Ton (Abb. 3, links). Erhalten sind die Durchbrechungen für ein Auge und den Mund, sowie ein Tonwulst, der zur Befestigung der abgeplatzten Nase diente. Die Backenpartie ist abgeplatzt. Die Einstiche der eng beieinanderliegenden Nasenlöcher sind noch sichtbar. Zwei randliche Befestigungslöcher und eine sorgfältige Glättung im Inneren der Maske - vor allem auch der Nasenpartie - zeigen, dass sie ein Maskenträger vor das Gesicht binden konnte.

    Das Maskenfragment wurde im Landesamt für Denkmalpflege sorgfältig unter die Lupe genommen, mit dem Streifenlichtscanner abgetastet und mithilfe einer spiegelverkehrt ausgedruckten Kopie ergänzt. Auch die spiegelbildliche Ergänzung der fotografischen Aufnahme zeigt, dass die Glattmaske eine schmale Nase besessen haben musste, eine leichte Modellierung von Gesichtszügen aufwies und die Oberlippe herzförmig geformt war. Die Unterlippe führte ursprünglich schräg nach hinten, wie sich an einer Kante im Mundwinkel klar erkennen lässt, und stellte somit einen eingefallenen Mund dar.

    Dies kann als Indiz dafür gewertet werden, dass das Gesicht eines zahnlosen Alten oder Toten dargestellt ist. Die Geschichte solcher Masken begann bereits in der frühen Jungsteinzeit, als im vorderen Orient um 7000 v. Chr. menschliche Schädel mit Ton und Gips übermodelliert sowie auch frei als Larve geformte Totengesichter hergestellt wurden. Zudem sind aus dem europäischen Neolithikum einige vom Hinterhaupt abgetrennte und zugerichtete Gesichtsschädel bekannt, die als Maske getragen werden konnten. Hier hatte man also tatsächlich präparierte Totenschädel vor das Gesicht gezogen. Aus Ton gebrannte Masken sind in Europa indessen eine große Seltenheit. Bisher wurden erst zwei eindeutig jungsteinzeitliche Tonmasken gefunden, in Ungarn und Rumänien.

    Für den Bereich der Pfahlbauten ist die Maske von Schussenried eine sensationelle Entdeckung und einzigartig. Sie zeigt, dass bei rituellen Anlässen, etwa bei Initiationen, Ahnenfesten und anderen religiösen oder sozialen Ereignissen, Maskenträger erschienen. Die Maske bezog ihre Wirkung aus dem paradoxen Spiel zwischen der lebendigen Agitation des Maskenträgers und der Unbewegtheit seines toten Zweitgesichtes. Die lange Zeit schmalen Kenntnisse zur rituellen Sphäre jungsteinzeitlicher Siedler des südwestdeutschen Alpenvorlandes erhalten damit eine erhebliche Bereicherung. Die nicht weniger sensationellen Wandmalereien aus den Pfahlbausiedlungen von Ludwigshafen und Sipplingen, in denen genealogische Zeichen und vermutlich mythisch überhöhte Ahnfrauen dargestellt waren, zeigen zusammen mit der Maske, dass die Vorfahren und ihre Ahnenreihen eine wichtige Rolle im sozio-religiösen Selbstverständnis der Gesellschaften spielten.

    Zur Datierung der Maske sind 14C-Proben aus anhaftenden Sedimenten und Torfresten untersucht worden. Sie lassen erkennen, dass die Maske in ältere Seesedimente des 6. Jahrtausend v. Chr. eingesunken war und im 1. Jahrtausend v. Chr. von Wurzeln überwuchert wurde. Da die Fundstelle nur 15 m vom Rand der jungsteinzeitlichen Siedlungen von Riedschachen entfernt ist, die ausschließlich Funde der Aichbühler Gruppe, der Schussenrieder Kultur und der Pfyn-Altheimer Gruppe Oberschwabens erbracht haben, ist sie wahrscheinlich einer der drei Besiedlungsphasen zwischen 4200 und 3650 v.Chr. zuzuordnen. Thermolumineszenzanalysen an Keramikproben brachten für die Maske eine Datierung in das 5. oder 4. Jahrtausend v. Chr. Diese Datierungen sind zwar mit hohen Fehlerabweichungen behaftet, aber eine Datierung in die Bronze- oder Eisenzeit ist damit ausgeschlossen. Erste Untersuchungen zur chemischen Zusammensetzung des Tons der Maske mittels portabler energiedispersiver Röntgenfluoreszenzanalyse ergaben Folgendes: Für deren Herstellung wurde eine andere Tonrezeptur gewählt als für die Siedlungskeramik von Riedschachen und Aichbühl. Zwar liegen die Messwerte verschiedener Elemente näher bei der Keramik von Aichbühl. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Maske eher in die Zeit um 4200 v. Chr. gehört, ist damit aber (noch) nicht erbracht. Vorläufig noch ungeklärt ist auch, ob für die Maske überhaupt vor Ort vorkommende Tone verwendet wurden. Das könnten weitere Untersuchungen des geologischen Umfeldes klären.

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