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  • Abteilung 8
    11.05.2016
    Internationale Fachtagung vom 12. bis 14. Mai 2016 anlässlich der Landesausstellung „4000 Jahre Pfahlbauten“
    Kloster Schussenried wird zum „Mekka“ der Restauratoren

    ​Das wollen sich die Restaurierungs-Fachleute weltweit nicht entgehen lassen: in der großen Landesausstellung „4.000 Jahre Pfahlbauten“ im Kloster Bad Schussenried ist eine Fülle sensationeller organischer Funde zu sehen.

    Der Pfahlbauarchäologe Dr. Helmut Schlichtherle vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart (LAD) stellt begeistert fest: „Alles, was sonst über die Jahrtausende kaum erhalten bleiben konnte, ist in den steinzeitlichen und metallzeitlichen Pfahlbausiedlungen noch da - Holzbauteile, Holzgefäße, Nahrungsvorräte und Brote, Waffen, Geräte zur Wald- und Landwirtschaft aber auch so erstaunliche Funde wie Textilien, „Kaugummis“ aus Birkenteer und hölzerne Radscheiben, die zu den weltweit ältesten Wagen gehören“.

    Erhalten haben sich diese Funde nur im Wasser unter Luftabschluss, sonst wären sie über die Jahrtausende längst wieder zu Erde geworden. Für die Restauratoren stellen diese stark abgebauten Feuchtfunde aus Pflanzenteilen eine der größten Herausforderungen überhaupt dar. Die Zellwände sind nämlich schon so stark zerfressen, dass sie sich selbst kaum noch tragen können. Zerrt dann beim normalen Eintrocknen die Oberflächenspannung an ihnen, kann es schnell zum Kollaps kommen. Deshalb behelfen die Restauratoren sich mit einem Trick: Die Funde werden nach Vortränkung eingefroren – und die Wassermoleküle dann direkt aus dem Eis per Gefriertrocknung entzogen. Aber welche Lösung zur Vorbehandlung lässt die Zellwände am besten diese Prozedur überstehen? Darüber wird noch viel geforscht.

    Ingrid Stelzner vom LAD, die viele der Stücke in der Ausstellung selbst restauriert hat, wollte genauer wissen, was passiert. Daher hat sie sich im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojektes die Vorgänge in einem speziellen Gefriertrocknungsmikroskop direkt angeschaut. „Ich konnte direkt sehen, bei welchen Temperaturen die Festigungsmittel bei Wasserentzug kollabieren. So lassen sich auch neue Produkte testen“, so Stelzner. Demnächst wird sie ihre Doktorarbeit bei Prof. Dr. Gerhard Eggert an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart einreichen. Dort wird Objektrestaurierung nicht nur gelehrt, sondern auch durch Forschung weiterentwickelt. „Um gut restaurieren zu können, müssen wir besser verstehen, wie sich die Artefakte in Jahrtausenden verändert haben. Und welche Möglichkeiten die moderne Technik bietet, das aufzuhalten“, stellt Eggert fest.

    Zum Austausch unter den Spezialisten hat er zusammen mit dem Landesamt für Denkmalpflege  zu einer internationalen Fachtagung vom 12. bis 14. Mai eingeladen. Getagt wird direkt neben der Ausstellung im Kloster Schussenried.

    Dabei geht es um ganz unterschiedliche Themen: Holzartbestimmung und Jahrringdatierung konservierter Hölzer wurden am Landesamt mit Computertomographie untersucht. Am Institut für Anorganische Chemie der Uni Stuttgart erforschte Charlotte Kuhn-Wawrzinek, wie Schwefelablagerungen im Holz Metallfunde gefährden können. Die weiteste Reise nach Schussenried wird Vicki Richards vom Western Australian Museum in Fremantle machen. Sie wird über immer neue Restaurierungsprobleme am Schiffswrack der Batavia berichten. Dieser holländische Ostindiensegler lief im Jahre 1629 nördlich von Perth auf ein Riff. In den 1970er Jahren wurde er von Unterwasserarchäologen geborgen und macht seitdem den Restauratoren zu schaffen. Schwefel im Holz führt nämlich zu Säurebildung, die das Wrack von innen zerfrisst.

    Weitere Forschung ist dringend nötig. Das findet auch Landesarchäologe Prof. Dr. Dirk Krausse, der die Tagung eröffnen wird: „Genau wie in der Archäologie muss in der Restaurierung die Methodik ständig weiterentwickelt werden. Nur so können wir unserer Verantwortung, Funde optimal für kommende Generationen zu erhalten, gerecht werden.“

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