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Projekt des Hochwasserschutzes im Bereich des Rheins am Regierungspräsidium Freiburg

10. Was sind Ökologische Flutungen?

Abschnittsanfang 10.1 Warum gibt es Ökologische Flutungen?

Der Einsatz von Hochwasserrückhalteräumen zum Schutz der Unterlieger wird statistisch nur ca. alle 10 Jahre oder seltener erforderlich. Finden in den Jahren dazwischen keine Flutungen statt, kann sich die für Auen und deren Lebensgemeinschaften charakteristische dynamische Stabilität nicht einstellen. Dies wird erst durch die regelmäßig in Abhängigkeit vom natürlichen Abflussgeschehen im Rhein durchzuführenden Ökologischen Flutungen gewährleistet. Trotz dabei auch wiederkehrender, unvermeidbarer Individuenverluste führt das Zusammenwirken von Hochwasserrückhaltungen und Ökologischen Flutungen zum Erhalt der naturschutzrechtlich geforderten Funktions- und Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes innerhalb der Hochwasserrückhalteräume. Die so an Überflutungen angepassten Lebensgemeinschaften werden nicht erheblich beeinträchtigt.

Abschnittsanfang 10.2 Was ist Auenökologie?

In Mitteleuropa vorkommende Lebensräume für Pflanzen und Tiere sind entweder von Wasser beeinflusst (Auen und Moore) oder kommen auf überflutungsfreien Standorten vor. Auenlebensräume sind geprägt durch ein natürliches Zusammenspiel zahlreicher unterschiedlicher Aspekte des Wasserhaushalts. Dabei sind meist Überflutungsdauer, -höhe und -häufigkeit ausschlaggebend. Die in Auen vorkommenden Lebensräume und die Zusammensetzung der Tier- und Pflanzengemeinschaften werden dabei maßgeblich durch Extremereignisse beeinflusst. Wiederkehrende Verluste von Tieren und Pflanzen sind ebenso typisch für Auenlebensräume wie deren starke Zunahme. Auch Verschiebungen bzw. der Wechsel der Artenzusammensetzung von Lebensgemeinschaften sind für Auen typisch. Aufgrund dieser wiederkehrenden Veränderungen handelt es sich bei Auen um eine typische Form der Störungsökologie. Kennzeichnend für diese Lebensräume mit ihren Arten ist eine durch das Zusammenwirken kleiner, mittlerer und großer Hochwasser erzeugte, dynamische Stabilität mit Lebensgemeinschaften, die an diese Verhältnisse angepasst sind.

Abschnittsanfang 10.3 Welchem Zweck dienen die Ökologischen Flutungen?

Die Ökologischen Flutungen erfüllen den Zweck, der Landschaft mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt innerhalb der Rückhalteräume das Lebenselement "Wasser" zurückzugeben, das sie über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Erst seit 1957 wurden die Flächen, die heute zum Teil als Hochwasserrückhalteräume geplant werden, durch Dämme von den Überflutungen des Rheins abgeschnitten (=Ausdeichung). Die jüngsten Ausdeichungen fanden 1977 bei Iffezheim statt. Das Potenzial an auetypischen und hochwassertoleranten Arten ist in diesen Bereichen so hoch, dass die Ökologischen Flutungen eine Reaktivierung dieser Lebensräume durch einen Wandel von nicht hochwassertoleranten Lebensgemeinschaften hin zu auenähnlichen, hochwassertoleranten Lebensgemeinschaften herbeiführen.

Abschnittsanfang 10.4 Was bewirken Ökologische Flutungen?

Ökologische Flutungen dienen der Vorbereitung der Tier- und Pflanzenwelt auf Hochwasserrückhaltungen. Durch die immer wiederkehrenden Ökologischen Flutungen lernen Tiere Fluchtwege kennen und tief liegende Bereiche z.B. für den Nestbau zu meiden. Das natürliche Aufwachsen von Keimlingen nicht hochwassertoleranter Pflanzen geht zurück. Insgesamt führen die Ökologischen Flutungen dazu, dass ein Wandel von nicht hochwassertoleranten Lebensgemeinschaften hin zu hochwassertoleranten, auenähnlichen Lebensgemeinschaften stattfinden kann.

Ökologische Flutungen führen auch dazu, dass der Wasserhaushalt der Standorte wieder eine auenähnlichere Dynamik aufweist. Mit den Schwankungen der Grundwasserstände verbessert sich die Wasserversorgung im Boden und der Sauerstoffaustausch wird gefördert. Einsätze der Rückhalteräume zum Hochwasserschutz werden sowohl im Winter- als auch im Sommerhalbjahr notwendig sein. Insbesondere das im Wald der Rückhalteräume lebende Wild (Rehe, Hasen, Füchse u.a.) und die vielen Kleinsäuger lernen durch Ökologische Flutungen besser ihre Fluchtwege kennen. Durch regelmäßiges Training prägen sich diese Wege nachhaltig ein.

Ohne Ökologische Flutungen im Winterhalbjahr bleibt die für nestbauende Tiere erforderliche Anpassungsphase aus. Sie legen ihre Nester unter Umständen zu tief an, Frühjahrshochwasser würden diese dann überschwemmen.

Auch einige Vogelarten suchen bereits im ausgehenden Winter nach geeigneten Brutplätzen (Brutbeginn im Februar/März). Ohne Ökologische Flutungen besteht auch hier die Gefahr, dass die Brutplätze an ungeeigneten Orten angelegt werden.

Nur ganzjährige Ökologische Flutungen verhindern, dass winterschlafende Kleinsäuger an ungeeigneten Plätzen überwintern oder z. B. Wildkatzen ihr Geheck zu tief anlegen.

Abschnittsanfang 10.5 Wie werden Ökologische Flutungen naturschutzrechtlich beurteilt?

Ökologische Flutungen sind nach Bundes- und Landesnaturschutzgesetz zwingend notwendige Vermeidungsmaßnahmen. Das Bundesverwaltungsgericht hat mit Beschluss vom 19.09.2014 folgenden Leitsatz formuliert: „Ökologische Flutungen können Vermeidungsmaßnahmen im Sinne des § 15 Abs. 1 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) gegenüber Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft durch die Hochwasserrückhaltung und gleichzeitig Ersatzmaßnahmen im Sinne des § 15 Abs. 2 BNatSchG für die durch sie selbst bewirkten Eingriffe sein.“

Abschnittsanfang 10.6 Wie werden Ökologische Flutungen durchgeführt?

Idealerweise würde Wasser aus dem Rhein für Ökologische Flutungen in die Rückhalteräume geleitet, sobald der Abfluss im Rhein über Mittelwasser ansteigt. Da aber die Kraftwerke bis zu vertraglich bestimmten Abflüssen alles Wasser aus dem Rhein zur Energiegewinnung nutzen dürfen, kann für die Ökologischen Flutungen entlang der staugeregelten Rheinstrecke erst bei höheren Abflüssen Wasser aus dem Rhein ausgeleitet werden. Das Reglement der Ökologischen Flutungen für jeden einzelnen Rückhalteraum wird in den jeweils erforderlichen Genehmigungsverfahren beschrieben. Die Einleitung von Rheinwasser in einen Hochwasserrückhalteraum erfolgt dabei grundsätzlich entsprechend dem Abflussgeschehen im Rhein. Steigt der Abfluss, steigt die Entnahme, sinkt der Abfluss, geht die Entnahme zurück.

Abschnittsanfang 10.7 Wie verteilt sich das Wasser bei Ökologischen Flutungen in einem Rückhalteraum?

Natürliche Wasserstandsschwankungen im Rhein verlaufen in der Regel recht langsam und kontinuierlich.

Bei Ökologischen Flutungen erfolgt das Steigen und Fallen des Wasserspiegels im Rückhalteraum entsprechend des Abflussgeschehens im Rhein.

Zu Beginn der Ökologischen Flutungen werden zunächst nur geringe Wassermengen entnommen. Das Wasser verbleibt deshalb in dieser Phase in den bestehenden Gewässern im Rückhalteraum und führt ohne auszuufern zu einer schnelleren Durchströmung.

Steigt der Abfluss im Rhein weiter an, kann mehr Wasser entnommen werden. Die Gewässer im Rückhalteraum werden stärker durchströmt und beginnen zunehmend über die Ufer zu treten. Das Wasser strömt über das angrenzende Gelände. Auch in Flächen, die weiter von den Gewässern entfernt sind, tritt ansteigendes Grundwasser an die Oberfläche. Normalerweise trockene Geländesenken, Rinnen bzw. Schluten beginnen Wasser zu führen.

Erst wenn über mehrere Tage viel Wasser aus dem Rhein entnommen werden kann, kommt es zu großflächigen Überströmungen des Geländes im Rückhalteraum. Die Höhe dieser Überströmungen reicht von wenigen Zentimetern bis zu mehreren Dezimetern, liegt aber meist weit unter den Wasserhöhen bei Hochwasserrückhaltung.

Abschnittsanfang 10.8 Welche Flächen werden bei lange dauernden Ökologischen Flutungen überströmt?

Aufgrund der rechtlichen Vorgaben sollten Ökologische Flutungen nahezu alle Flächen erreichen, die bei Hochwasserrückhaltung überflutet werden. Je höher die jeweilige Einleitungswassermenge und je länger die Einleitungsdauer sind, je mehr Flächen werden von den Ökologischen Flutungen erreicht. Am Beispiel der Polder Altenheim, in denen seit 1989 Ökologische Flutungen stattfinden, wird deutlich, wie mit zunehmender Dauer einer Flutung immer mehr Flächen überströmt werden (s. Grafik).




Schematische Darstellung überfluteter Flächen in den Poldern Altenheim: von links nach rechts zunehmende Dauer einer Flutung. Bestehende Gewässer sind dunkelblau, zeitweise überflutete Bereiche sind hellblau dargestellt.

Abschnittsanfang 10.9 Kann der Umfang Ökologischer Flutungen reduziert werden oder kann ggf. ganz auf sie verzichtet werden?

Die Lebensgemeinschaften, die sich in den Rückhalteräumen entwickeln und langfristig halten können werden mit Hilfe der Ökologischen Flutungen auenähnlich, aber nicht auentypisch sein. Die derzeit nutzbare Wassermenge für Ökologische Flutungen reicht aus, um Flora und Fauna auf die Hochwassereinsätze vorzubereiten. Eine Reduzierung des Umfangs der Ökologischen Flutungen ist naturschutzfachlich nicht zu vertreten.

Im Bereich des staugeregelten Rheins sind die für Ökologische Flutungen verfügbaren Wassermengen aufgrund deutsch-französischer Verträge bis zur Höhe der für die Stromerzeugung konzessionierten Wassermengen eingeschränkt. Hierdurch ist es in diesem Bereich nicht möglich, genügend Wasser zur Renaturierung von Weichholzauen in die Rückhalteräume einzuleiten. Entlang der freifließenden Rheinstrecke bestehen diese Einschränkungen nicht.

Bei hohen Abflüssen, die den Einsatz der Rückhalteräume zur Hochwasserrückhaltung wahrscheinlich machen, müssen die Ökologischen Flutungen beendet werden, damit das Wasser aus den Rückhalteräumen ablaufen kann und das gesamte Volumen für die Hochwasserrückhaltung verfügbar ist. Auch hierdurch kommt es zu weniger Überflutungen als in natürlichen Auen.

Das Integrierte Rheinprogramm hat als zweites, gleichrangiges Ziel neben dem Hochwasserschutz die Renaturierung der Auen am Oberrhein. Um solch eine umfassende Renaturierung im Sinne des Naturschutzes zu gewährleisten, reichen die für Ökologische Flutungen zur Verfügung stehenden Wassermengen jedoch nicht aus.

Abschnittsanfang 10.10 Welcher Renaturierungszustand wird angestrebt? Soll der Zustand vor TULLA wieder hergestellt werden?

Es ist nicht das Ziel des IRP, den Zustand "vor TULLA" wiederherzustellen. Leitbild ist innerhalb der vorgesehenen Rückhalteräume ein möglichst naturnahes Aueökosystem, das sich ohne menschliche Pflegeeingriffe selbst erhält. Dies schließt forstliche Nutzungen nicht von vornherein aus.

Idealerweise wird sich die Tier- und Pflanzenwelt so entwickeln, dass Arten der "Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU (FFH-Richtlinie) hier Fuß fassen. Vor allem im Bereich der Hartholzauestandorte werden durch die Ökologischen Flutungen FFH-würdige Lebensräume entstehen.