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Projekt des Hochwasserschutzes im Bereich des Rheins am Regierungspräsidium Freiburg

11. Welche Auswirkungen haben Hochwasserrückhalt und Ökologische Flutungen auf die Natur?

Abschnittsanfang 11.1 Wie wirken die Flutungen auf den Wald?

Noch vorhandene alte Auwälder werden durch Wiederherstellung ihrer Hochwassertoleranz in ihren maßgeblichen Bestandteilen erhalten. Jüngere Waldbestände werden durch flutungsbedingte Förderung der vorhandenen hochwassertoleranten Baumarten und dem damit verbundenen Zurückdrängen weniger überflutungstoleranter Arten nach und nach umgeformt. Das natürliche Aufwachsen von Keimlingen nicht hochwassertoleranter Baumarten wird durch die Ökologischen Flutungen unterbunden. In jedem Rückhalteraum werden im Rahmen der Planungen und in enger Abstimmung mit den zuständigen Forstverwaltungen Bestandesfeinkartierungen, Risikoanalysen für die bestehenden Wälder sowie waldbauliche Empfehlungen erarbeitet.

Sind in den heutigen Waldbeständen durch die Flutungen nur geringe Schäden oder Ausfälle zu erwarten, bleiben die vorhandenen Bestände erhalten. Sind Schäden oder Ausfälle auf größerer Fläche wahrscheinlich, können i.d.R. durch waldbauliche Pflegemaßnahmen vorhandene, hochwassertolerante Baumarten gezielt gefördert werden. Nur in seltenen Fällen wird ein Waldumbau durch Einbringung anderer, hochwassertoleranterer Baumarten erforderlich.

Abschnittsanfang 11.2 Wie wirken die Flutungen auf die Pflanzenwelt (Vegetation)?

Die Flutungen fördern die Ansiedlung von feuchteliebenden und hochwassertoleranten Pflanzen.

Abschnittsanfang 11.3 Wie wirken die Flutungen auf die Tierwelt (Fauna)?

Durch die wiederkehrenden Flutungen können sich Tiere hier ansiedeln und leben, die mit Überflutungen vertraut bzw. daran angepasst sind. Es etablieren sich hochwassertolerante Artengemeinschaften.

Finden Flutungen regelmäßig statt und können auch höhere Wassermengen eingeleitet werden, so wird auch das im Rückhalteraum lebende Wild nach und nach an das ansteigende Wasser und dessen Fließrichtung gewöhnt. Durch den Trainingseffekt, der sich mit der Zeit einstellt, lernen die Tiere Wege kennen und nutzen, die sie schließlich bei Hochwasserrückhaltung aus den dann überfluteten Bereichen hinaus leiten. Voraussetzung für diese Ausweichbewegungen bei Hochwassereinsatz ist immer, dass die Hochwasserdämme frei von Menschen sind und so ein ungestörtes Überwechseln der Tiere in Rückzugsbereiche auf der Binnenseite der Dämme möglich ist.

Abschnittsanfang 11.4 Was passiert bei Hochwassereinsatz eines Rückhalteraumes mit Bodenbrütern, Kitzen und anderen Wildtieren?

Grundsätzlich sind die Auswirkungen des Rückhalteraumbetriebes auf Tiere und Pflanzen von der Jahreszeit des Hochwassereinsatzes abhängig.

  • Bodenbrüter
    Erfolgt ein Einsatz zur Hochwasserrückhaltung außerhalb der Brutzeiten, entstehen keine Verluste. Findet der Einsatz in der Brutzeit statt, werden die Gelege der Bodenbrüter in der Regel vom Wasser überschwemmt. Kommt es zu Brutverlusten, gleichen die Vögel dies durch Mehrfachbruten oder Nachgelege aus. Dies entspricht dem Geschehen in natürlichen Auen.
 
  • Kleintiere
    Insbesondere bei weniger mobilen Artengruppen (z.B. Käfer, Schnecken, Regenwürmer etc.) werden nicht ausreichend hochwassertolerante Arten aus den überfluteten Bereichen verdrängt. Hochwassertolerante Arten bzw. Arten, die spezielle Überlebensstrategien entwickelt haben, wandern ein und können sich in diesen Bereichen ansiedeln (s. Bilder).
 
faq-genistinseln.jpg   faq-baumstamm.jpg
Manche Arten nutzen Genistinseln als Floß, andere gehen ein Stockwerk höher


  • Kitze und andere Wildtiere
    Befinden sich zum Zeitpunkt einer Hochwasserrückhaltung noch sehr junge Kitze im Rückhalteraum, so haben diese nur geringe Überlebenschancen. Fanden aber über eine ausreichende Zeit Ökologische Flutungen im Rückhalteraum statt, so werden Kitze und anderes Wild mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Weg aus dem Rückhalteraum heraus oder in Bereiche, die so hoch liegen, dass sie nicht überflutet werden, finden. Die Überlebenschancen für Wild hängen primär davon ab, dass
    • keine Menschen auf den Dämmen stehen,
    • die Dammböschungen frei von Büschen und Bäumen sind,
    • sich hinter den Hochwasserdämmen möglichst genügend Deckung (Gebüsch u.ä.) befindet und
    • regelmäßig Ökologische Flutungen stattfinden.
Abschnittsanfang 11.5 Wie wirken die Flutungen auf die Böden?

Überflutungen führen zu einem Wechsel von feuchten und trockenen Bedingungen im Bodenkörper und damit einem auenähnlichen Wasserhaushalt. Die durch die Flutungen ausgelösten Grundwasserschwankungen haben eine prägende Rolle für die Auenvegetation und die Bodenlebewesen. Durch die zeitweise Benetzung des durchwurzelten Bodenkörpers infolge der Flutungen wird das Grundwasser wieder pflanzenverfügbar. Die Bodenlebewesen entwickeln sich zu stärker an Überflutungen angepassten, auentypischeren Lebensgemeinschaften.

Bisherige Untersuchungen zeigen, dass nachteilige Veränderungen der Böden durch Schadstoffe nicht stattfinden.

Abschnittsanfang 11.6 Wie wirken die Flutungen auf das Grundwasser?

Durch den Bau der Staustufen wurde das Grundwasserniveau im ausgedeichten Bereich zunächst angehoben, die natürliche Wasserzufuhr in die Aue jedoch unterbunden. Dadurch wurden die früher auetypischen starken Grundwasserstandsschwankungen stark gedämpft. Durch die zunehmende Abdichtung des Rheinbettes fiel das Grundwasserniveau wieder ab. Dadurch ist es inzwischen teilweise sogar unter die für die Versorgung der Pflanzen wichtige Deckschicht des Bodens abgesunken.

Die Flutungen rufen die für die Aue notwendigen Grundwasserschwankungen hervor und bewirken damit eine Dynamisierung der Grundwasserstände. Dies stellt eine Verbesserung der hydrodynamischen Standortverhältnisse und damit einen wesentlichen Beitrag zur Auenrenaturierung dar.

Am staugeregelten Rheinabschnitt sind im Bereich der Ausleitungswehre tiefe Grundwasserstände, wie sie zeitweise in natürlichen Auen auftreten, heute nicht mehr möglich. Auentypische, ausgeprägte Trockenphasen bleiben deshalb weitgehend aus. Nachteilige, bleibende Veränderungen der Grundwasserbeschaffenheit sind als Folge der Flutungen nicht eingetreten.

Abschnittsanfang 11.7 Wie wirken die Flutungen auf die Oberflächengewässer?

In verschlammten Gewässern beginnt mit der stärkeren Durchströmung bei Flutungen ein Austrag der Schlammablagerungen. Dies führt dazu, dass in Teilbereichen die kiesige Gewässersohle wieder freigelegt wird. Das Interstitial (der Lebensraum unter der Gewässersohle) wird wieder mit Sauerstoff versorgt.

Bei stark geschwungenen Gewässerläufen kommt es wieder zur Ausbildung von Steilufern. Hier nisten und brüten beispielsweise geschützte Wildbienen, Uferschwalben oder der seltene Eisvogel. Die bei Flutungen steigenden Grundwasserstände sinken mit dem Austritt des Grundwassers in die Gewässer wieder ab.

Abschnittsanfang 11.8 Verschlechtert sich die Wasserqualität im Altrheinzug durch die Einleitung von Rheinwasser?

Nein. Die Beschaffenheit des Rheinwassers hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert. Die Wasserqualität in den Altrheingewässern wird durch die stärkere Durchströmung sogar langfristig verbessert, da Schlammablagerungen weggespült werden.

Abschnittsanfang 11.9 Besteht die Gefahr des Eintrags von Schadstoffen? Wie wirken sich diese ggf. auf Grundwasser und Boden aus?

Die Qualität des Rheinwassers hat sich seit Ende der 60er Jahre sehr deutlich verbessert. Der Oberrhein zwischen Basel und Mannheim weist heute die Qualitätsklasse „gut“ auf (Saprobie-Index entsprechend Wasserrahmenrichtlinie: 5 Klassen von „sehr gut“ bis „schlecht“). Eine Beeinträchtigung von Grundwasser und Boden ist nicht zu befürchten.

Entsprechend waren auch die Erfahrungen in den Poldern Altenheim. Während der mehrjährigen Untersuchungszeit konnte keinerlei nachhaltig nachteiliger Schadstoffeintrag festgestellt werden.

Abschnittsanfang 11.10 Wird mit den Flutungen Schlamm in die Wälder, auf die landwirtschaftlich genutzten Flächen, in die Kies- und Badeseen gespült?

Der Auftrag von Feinsedimenten bei Ökologischen Flutungen ist gering und beschränkt sich auf gewässernahe Bereiche (Sedimentschleier).

Die Erfahrungen bei Hochwasserrückhaltung zeigen, dass ein nachweisbarer Sedimenteintrag (Schlamm) im cm-Bereich auf den Umgebungsbereich der Einleitungsstelle beschränkt ist.

Auf der weitaus größten Fläche sieht man nach dem Ablauf des Hochwassers die Schluffauflagen nur wie einen feinen Mehlschleier auf Blättern und an den Bäumen. Früher wurden diese Ablagerungen von der Landwirtschaft gezielt gefördert, da der Schluff sehr nährstoffreich ist. Nicht von ungefähr liegen in der Rheinniederung die besten Ackerstandorte mit den höchsten Messzahlwerten in ehemaligen Auenbereichen.

Bleiben nach einem Hochwassereinsatz oder nach Ökologischen Flutungen nennenswerte und hinderliche Schluffauflagen auf den gewässernahen Wegen liegen, so wird die Säuberung vom Betreiber veranlasst. Auch die Instandsetzung gegebenenfalls beschädigter Wege erfolgt durch den Betreiber.

Bei flächenhaften Ökologischen Flutungen oder Hochwasserrückhaltung gelangen gegebenenfalls Flutungswasser und mit ihm Schwebstoffe in die im Raum vorhandenen Baggerseen. Untersuchungen in den Poldern Altenheim haben jedoch gezeigt, dass es nur zu geringfügigen kurzfristigen Veränderungen der Beschaffenheit der Baggerseen kommt. Eine nachhaltige Verschlechterung trat nicht ein. Auch im Polder Söllingen/Greffern wurden keine Beeinträchtigungen der Baggerseen festgestellt.

Um eine Beschleunigung der natürlichen Alterung der Seen (Eutrophierung) durch Nährstoffeinträge bei Überflutungen zu verhindern, ist im Einzelfall zu prüfen, ob durch die Schließung von Zutrittstellen gegebenenfalls eine Verringerung der Häufigkeit des Oberflächenwasserzutritts erreicht werden kann.