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Sie sind hier: RP Internet »Themenportal »Wasser und Boden »Integriertes Rheinprogramm »2. Warum ist die Hochwassergefahr am Oberrhein so groß?
Projekt des Hochwasserschutzes im Bereich des Rheins am Regierungspräsidium Freiburg

2. Warum ist die Hochwassergefahr am Oberrhein so groß?

Abschnittsanfang 2.1 Welche Veränderungen gab es durch J.G. TULLA und M. HONSELL?

Die zunehmende Besiedlungsdichte führte sowohl zu einem steigenden Bedarf an landwirtschaftlichen Flächen sowie zur Notwendigkeit eines vermehrten Hochwasserschutzes für die Ortschaften in der Rheinniederung. Die Rheinkorrektion (1817 bis 1879) nach den Plänen von TULLA trug diesen Bedürfnissen Rechnung. Dammsysteme zum Schutz von Siedlungen und Nutzflächen vor Hochwasser wurden in einiger Entfernung zum Strom entlang des gesamten Oberrheins errichtet („Tulladämme“). Hochwasser überströmten weiterhin die Flächen zwischen Rhein und Dammsystem, so dass noch ein hoher Schutz für die Unterlieger gegeben war. Weite Bereiche hinter dem Dammsystem allerdings, die vorher bei Hochwasser ebenfalls überströmt waren, können seither keinen Beitrag mehr zum Hochwasserschutz leisten.

In einer zweiten Ausbauphase, der Rheinregulierung durch HONSELL (1907 bis 1939), stand der Rhein als wichtige Handelsstraße im Mittelpunkt. Das Wasser wurde durch Buhnen (Querbauwerke) im Flussbett konzentriert und der Rhein somit bis Basel schiffbar gemacht. In Folge der Korrektion nach TULLA kam es aufgrund der verkürzten Fließstrecke zur Erosion der Flusssohle. Diese Erosion wurde durch den Buhnenbau verstärkt und ließ weitere Flächen für den Hochwasserschutz unwirksam werden.

Abschnittsanfang 2.2 Was ist der moderne Oberrheinausbau?

Der moderne Ausbau des Oberrheins hatte in erster Linie die Nutzung des Wassers zur Energiegewinnung zum Ziel. Der Ausbau erfolgte zwischen 1928 und 1977 auf der Grundlage des Vertrages von Versailles. Es wurden der Rheinseitenkanal mit vier Staustufen und Schiffsschleusen (Märkt bis Breisach), vier Rheinschlingen mit je einer Staustufe und Schleuse (Marckolsheim bis Straßburg) sowie zwei weitere Staustufen und Schleusen direkt im Strombett (Gambsheim und Iffezheim) gebaut. Neue Dämme zur Konzentration des Wassers in den Stauräumen der Wasserkraftwerke und damit zur Erhöhung der erforderlichen Fallhöhe wurden größtenteils direkt entlang der Rheinufer errichtet. Die Flächen zwischen den TULLA-Dämmen und den neuen Rheinseitendämmen sind seither vom Überflutungsgeschehen des Rheins abgeschnitten.

Abschnittsanfang 2.3 Weshalb sind am Oberrhein Rückhaltemaßnahmen notwendig?

 
Die gefährlichen Hochwasser am Oberrhein entstehen insbesondere durch Schneeschmelze in den Alpen und gleichzeitig starken Niederschlägen im Voralpenraum. Niederschläge in Schwarzwald und Vogesen können die Situation noch weiter verschärfen.

Vor dem Ausbau des Oberrheins strömten bei Hochwasser die Wassermassen in die hier ehemals vorhandenen Überflutungsgebiete des Rheins (Auwälder). Eine Erweiterung der ehemaligen Überflutungsgebiete ist nicht mehr möglich, da heute in der Rheinniederung sehr viele Menschen leben und die Landschaft bis fast an den Rhein hin intensiv genutzt wird.

 
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In der Oberrheinaue bestehen zahlreiche Nutzungsansprüche
 

Durch den Bau der direkt am Rheinstrom verlaufenden Stauhaltungsdämme, die zum Zwecke der Wasserkraftnutzung und für die Schifffahrt errichtet wurden, können die Hochwasser heute nicht mehr in die ehemaligen Überflutungsgebiete einströmen, sondern fließen zwischen den Stauhaltungsdämmen schneller nach Norden. Die Rheinanlieger am südlichen Oberrhein zwischen Basel und Iffezheim sind durch den Staustufenbau vor Hochwassern geschützt, die statistisch nur alle rd. 1.000 Jahre auftreten. Nördlich von Iffezheim bis Speyer besteht durch die dortigen Dämme heute hingegen nur noch ein Schutz gegen Hochwasser, wie sie sich statistisch ca. alle 120 Jahre und im Bereich der Neckarmündung (Speyer bis Worms) ca. alle 150 Jahren ereignen. Dieser Schutz setzt allerdings voraus, dass alle am südlichen Oberrhein bereits vorhandenen Hochwasserschutzmaßnahmen erfolgreich in Betrieb sind. Zur Wiederherstellung des früheren Hochwasserschutzes nördlich von Iffezheim auf einen 200-jährlichen Schutz muss deshalb ein Teil des Hochwasserabflusses wieder im Süden zurückgehalten werden.

Abschnittsanfang 2.4 Was ist der 82er Vertrag?

Im Vertrag vom 6. Dezember 1982 wurde zwischen der Französischen Republik und der Regierung der Bundesrepublik Deutschland in Artikel 7 (2) vereinbart, auf baden-württembergischer Seite folgende Maßnahmen zu planen, zu bauen und zu betreiben:
• Sonderbetrieb der Rheinkraftwerke zwischen Kembs und Straßburg
• Kulturwehr etwa bei Rhein-km 220,5
• Kulturwehr Breisach
• Kulturwehr Kehl/Straßburg mit den Poldern Altenheim
• Polder Erstein und Polder Moder auf französischer Seite
• Polder Söllingen auf deutschem Ufer
• weitere Polder unterhalb der deutsch-französischen Grenze mit etwa 30 Mio. m3 Rückhaltevolumen.

Im Vertrag wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Aufzählung erweitert werden kann. Vereinbartes Ziel ist es, zusammen mit den von Frankreich und Rheinland-Pfalz zu erstellenden Rückhalteräumen zwischen Iffezheim und Worms wieder den vor dem Oberrheinausbau vorhandenen Hochwasserschutz herzustellen.

Abschnittsanfang 2.5 Welche Schäden entstehen bei einem 200-jährlichen Hochwasser?
 

Ohne weitere Hochwasserschutzmaßnahmen ist im Ernstfall die Region zwischen Iffezheim und Bingen auf knapp 1.000 km² von Hochwasser bedroht. Hier liegen 95 Städte und Gemeinden, die für rund 700.000 Menschen Lebens- und Kulturraum sind. Gleichzeitig ist das dicht besiedelte Oberrheintal mit seinen 350.000 Arbeitsplätzen ein herausragender Wirtschaftsraum. Der entstehende wirtschaftliche Schaden in der Region wird bei einem 200-jährlichen Hochwasser auf mehr als 7 Mrd. Euro allein in Baden-Württemberg geschätzt (Stand 2013).