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  • Abteilung 5
    06.07.2015
    Geplantes Naturschutzgebiet „Coleman“ in Mannheim Regierungspräsidium Karlsruhe startet das Verfahren
    Regierungspräsidentin Nicolette Kressl ist beeindruckt: „Über 160 gefährdete Arten belegen die Vielfalt von ´Coleman´.“

    ​„Als wir 2013 die Kartierungen der Pflanzen und Tiere beauftragten, waren wir davon überzeugt, dass auf Coleman auch seltene und in Baden-Württemberg bestandsgefährdete Tiere und Pflanzen aus der hochspezialisierten Gruppe der Sand- und Trockenrasen-Bewohner leben. Diese Vorahnung wurde noch weit übertroffen: Wie wir jetzt wissen, leben auf „Coleman“ mindestens 160 mehr oder weniger stark gefährdete Tier- und Pflanzenarten der Roten Listen Baden-Württembergs. Coleman ist eine Arche“: So Regierungspräsidentin Nicolette Kressl anlässlich der Anhörung zum geplanten Naturschutzgebiet „Coleman“, für die das Regierungspräsidium Karlsruhe heute den „Startschuss“ gab.

    Aktuell hat das Regierungspräsidium die Vorbereitungen zur Ausweisung eines Naturschutzgebietes abgeschlossen und die Ergebnisse den Trägern öffentlicher Belange vorgestellt. Die Ergebnisse können auch auf der Homepage des Regierungspräsidiums Karlsruhe eingesehen werden. Es wird vorgeschlagen, 110 Hektar Offenlandbereich als Naturschutzgebiet auszuweisen.
    Den Anstoß für eine genauere Untersuchung des Areals hatte der Naturschutzbund (NABU) gegeben. Im Auftrag des Landes wurden daraufhin 2013 und 2014 die Blütenpflanzen, Vögel, Wildbienen, Spinnen, Laufkäfer, Heuschrecken und Fledermäuse kartiert.

    Unter 62 Vogelarten wurden Arten nachgewiesen, von denen in ganz Baden-Württemberg nur noch einige Dutzend Paare (Steinschmätzer, Oenanthe oenanthe) oder wenige Hundert Paare (Grauammer, Emberiza calandra, und Braunkehlchen, Saxicola rubetra) brüten, deren Bestände seit Jahrzehnten überall in Baden-Württemberg dramatisch abnehmen und die daher als stark gefährdet oder sogar als vom Aussterben bedroht gelten. Mit elf Brutpaaren auf rund 80 Hektar war die Grauammer noch dazu in einer einzigartigen Dichte vertreten; auch die je zwei Brutpaare des Schwarzkehlchens (Saxicola torquata) und des Braunkehlchens weisen das Areal als eine letzte Zuflucht extrem selten gewordener Vogelarten aus.

    Aus der Gruppe der Spinnen wurden unter 93 teilweise hochspezialisierten Arten 36 mehr oder weniger stark gefährdete Arten gefunden; einige davon wurden überhaupt zum ersten Mal – andere wie die Bodenspinne Eresus kollari wurde zuletzt vor Jahrzehnten in Baden-Württemberg gefunden.

    Auch bei den Wildbienen und Wespen (103 Arten, 37 davon auf der Roten Liste), Laufkäfern (26 Arten, 14 davon auf der Roten Liste) und Heuschrecken (21 Arten, 11 davon auf der Roten Liste) fand sich eine bemerkenswerte Artenfülle. Lediglich die Kartierung der Fledermäuse ergab ein eher durchschnittliches Bild, was wegen der fast vollkommen fehlenden Ruhequartiere wie Baumhöhlen oder Dachstühle aber nicht verwundert.

    Das nähere und weitere Umfeld zeigt, warum die Bewohner solcher sandigen, trockenen, nährstoffarmen und stark besonnten Standorte in Baden-Württemberg so extrem selten geworden sind: Straßen und Bauwerke, Gärten, Parks und vor allem die flächendeckende, alles verändernde land- und forstwirtschaftliche Nutzung lassen kaum einen Quadratmeter Sandfläche im nacheiszeitlichen Ursprungszustand. Gerade in der dicht besiedelten oberrheinischen Tiefebene wurde in der Nachkriegszeit fast jeder Quadratmeter Land einer Nutzung zugeführt, die den spezialisierten Bewohnern der Sand- und Magerrasen - im Unterschied zu den Bewohnern der Wälder und Wiesen - den Lebensraum nicht nur veränderte, sondern nahm.

    Dank der militärischen Nutzung blieb der Tier- und Pflanzenwelt auf „Coleman“  dieser Nutzungsdruck des 20. Jahrhunderts erspart: Es gab dort durchgängig weder land- noch forstwirtschaftliche Nutzung, weder Düngung noch Spritzmittelausbringung. „Wir sind den US-Streitkräften sehr dankbar für die Erhaltung der Arche Coleman“, so die Regierungspräsidentin. Seit langem sei es den US-Streitkräften auch bewusst, welche Naturschätze auf ihren Truppenübungsplätzen zu finden sind, so Nicolette Kressl weiter. So wurde auf Coleman bereits 2001 kartiert und naturschutz-orientierte Landschaftspflege betrieben. Erst in letzter Zeit wurde die Landschaftspflege, wohl im Zusammenhang mit dem geplanten Truppenabzug, zurück gefahren.

    „Dies ist ein wichtiger Grund für die Ausweisung eines Naturschutzgebietes“, führte Regierungspräsidentin Nicolette Kressl weiter aus. In Naturschutzgebieten kann die Naturschutzverwaltung tätig werden; auf „Coleman“ natürlich nur in Abstimmung mit den Streitkräften, denn die militärische Nutzung hat Vorrang. Diese soll in der geplanten Verordnung daher von allen Einschränkungen freigestellt werden. Wenn nicht gemäht oder beweidet wird, kann sich der Sand- und Trockenrasen in eine geschlossene Grasflur verwandeln, auf der die hoch spezialisierten Überlebenskünstler der Sand- und Trockenrasen schlechte Überlebensbedingungen haben. Das ist auf einem großen Teil des Offenlandes auf „Coleman“ bereits heute zu beobachten.

    Auch als Naturschutzgebiet bleibt oder wird nach dem Abzug der US-Streitkräfte „Coleman“ offen für die erholungssuchende Bevölkerung. Genau wie auf dem „Alten Flugplatz Karlsruhe“, einem Naturschutzgebiet im Herzen von Karlsruhe, soll ein Rundweg das Areal erschließen und sollen Tafeln auf den besonderen Wert von Natur und Landschaft aufmerksam machen. Nicht weniger wichtig ist die Erhaltung einer Frischluft-Schneise für den Norden Mannheims, die das Naturschutzgebiet garantiert: Gerade in den letzten heißen Tagen wurde deutlich, welchen Unterschied schon einige Grad Celsius geringere Temperatur bedeuten, die das Offenland gegenüber bebauten und versiegelten Bereichen aufweist. Dieser erfrischende Abendwind darf nicht durch Versiegelung und Häuserzeilen aufgehalten werden.

    Im Unterschied zu einem Wald oder einer Blumenwiese erschließt sich die Schönheit und der besondere Wert eines Trockenrasens nicht auf den ersten Blick. Das Regierungspräsidium plant daher in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund NABU und der Stadt Mannheim Exkursionen, naturkundliche Spaziergänge und Naturerlebnistage.

    Bis zum 15. August 2015 haben nun die Träger öffentlicher Belange Gelegenheit, ihre Anregungen und Bedenken zur Ausweisung eines Naturschutzgebietes vorzutragen. Nach deren angemessener Berücksichtigung wird das Regierungspräsidium die Planung öffentlich vorstellen und auslegen. Wie bei einem Bebauungsplan hat dann noch einmal jedermann Gelegenheit, seine persönliche Meinung vorzutragen. „Vor Frühjahr 2016 ist nicht mit dem Abschluss des Verfahrens zu rechnen“, schätzt Dr. Christoph Aly, im Regierungspräsidium zuständiger Referent für die Ausweisung neuer Gebiete. „Öffentliche Akzeptanz und Integration aller berechtigten Anliegen geht vor Verfahrenseile, auch wenn wir gern schon in diesem Herbst den ersten Pflegeauftrag vergeben würden. Der Pflegeplan ist in Arbeit, auch er wird vorgestellt und diskutiert werden“, so Christoph Aly zum Abschluss.

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