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RP Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege
  • Abteilung 8
    05.08.2019
    Archäologische Denkmalpflege | Wohnluxus statt Hinterhof: erste Ergebnisse der aktuellen Ausgrabungen in Stuttgart-Bad Cannstatt
     Ausgrabungsmitarbeiter, Quelle: RPS, Foto: G. Duranthon, ArchaeoBW

    Der Neubau mehrerer Wohngebäude mit Tiefgarage an der Essener Straße in Stuttgart-Bad Cannstatt erforderte erneut umfangreiche archäologische Ausgrabungen innerhalb der römerzeitlichen Siedlung auf dem Hallschlag. Im Vorfeld dieser Baumaßnahme finden hier seit Anfang Mai 2019 archäologische Untersuchungen durch die Grabungsfirma ArchaeoBW statt. Dabei fanden sich unter anderem die Reste mehrerer Wohngebäude in überraschend qualitativer Bauweise. Prof. Dr. Dirk Krausse und Dr. Andreas Thiel vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart und die Grabungsfirma ArchaeoBW berichteten hierzu heute über neue Erkenntnisse und führten Pressevertreterinnen und Pressevertreter sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger über die Grabung.

    Ursprünglich galten die unter Aufsicht des Landesamtes für Denkmalpflege durch die Fachfirma ArchaeoBW begonnenen Untersuchungen einem „Hinterhofareal“ der einstigen römischen Ansiedlung. Rund 200 Meter nördlich des bekannten „Römerkastells“ von Bad Cannstatt verläuft eine antike Fernstraße neckarabwärts. Auf beiden Seiten der Straße fanden sich in den vergangenen Jahren mehrfach die Reste von Wohn- und Geschäftshäusern aus dem zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus. Die aktuell untersuchte Fläche befindet sich dagegen so weit vom Zentrum der einstigen römischen Siedlung entfernt, dass hier kein wohlhabendes Wohnviertel zu erwarten war. Gleichzeitig liegt die Grabungsfläche von der Straße abgewandt, hinter den Wohn- und Geschäftshäusern der vor knapp 1900 Jahren hier lebenden Händler und Handwerker. Daher rechneten die Grabungsmitarbeiterinnen und Grabungsmitarbeiter zunächst lediglich mit einer leichten Bebauung in Holz- und Fachwerktechnik, wie Schuppen, Wirtschaftsbauten oder Latrinen.

    Bereits in den ersten Grabungswochen stieß man auf etwa ein Meter starke Außenmauern eines großen Steinbaus, wie er für ein gut ausgestattetes sogenanntes „Streifenhaus“ römischer Ansiedlungen nördlich der Alpen typisch war. Das zum Teil freigelegte Gebäude hat eine Weite von über acht Metern und könnte insgesamt 30 Meter lang gewesen sein. Offenbar wurde es bei einem ausgedehnten Schadenfeuer zerstört. Nur wenig entfernt fanden die Grabungsmitarbeiterinnen und Grabungsmitarbeiter einen weiteren Steinbau, der eine Fußboden-/ Wandheizung (Hypokaustum) und mehrfarbigen Wandverputz aufwies. Bei diesem kleineren Gebäude dürfte es sich ebenfalls um ein luxuriös ausgestattetes Wohngebäude gehandelt haben. Demnach zeichnet sich ein gehobenes Wohnquartier ab, das in dieser Randlage der römischen Ansiedlung ursprünglich nicht erwartet wurde.

    Bis heute gibt es nur wenige Erkenntnisse über das römische Bad Cannstatt. Die Gründung der Ansiedlung steht sicher im direkten Zusammenhang mit der erstmaligen Stationierung römischer Truppen am Mittleren Neckar um das Jahr 100 nach Christus. Wie sich der namentlich nicht bekannte Ort entwickelte und ob hier eventuell ein sogenanntes „municipium“, also ein Verwaltungssitz mit zumindest regionaler Selbstverwaltung bestand, ist nicht gesichert. Die noch bis Monatsende laufenden Ausgrabungen liefern neben den oben genannten neuen Erkenntnissen zur Topographie auch weitere Hinweise zur Entwicklung und insbesondere zum Ende der antiken Siedlung auf dem Hallschlag im dritten Jahrhundert nach Christus.

    Ausgrabungsmitarbeiter, Quelle: RPS, Foto: G. Duranthon, ArchaeoBW

    Ausgrabungsstätte , Quelle: RPS, Foto: P. Sikora, ArchaeoBW