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  • Abteilung 7
    03.04.2020
    03.04.2020 | SCHULE: Homeschooling im Regierungsbezirk Tübingen
     Symbolbild Homeschooling; © WavebreakmediaMicro – stock.adobe.com

    ​Seit über zwei Wochen sind die Schulen geschlossen und arbeiten im Homeschooling-Modus.
     
    Drei Beteiligte erzählen, wie es ihnen damit geht: Eine Mutter, eine Lehrkraft und ein Schüler.
     
    Frau B. ist Mutter von vier Kindern, die in die 8., 7., 5. und 2. Klasse gehen. Sie arbeitet zur Zeit im Homeoffice, ihr Mann ist weiterhin meist vom Büro aus tätig. Ihr Tag beginnt früh: Sie steht um 4 Uhr morgens auf, um die Morgenstunden über in Ruhe arbeiten zu können. Sobald die Kinder wach sind, versucht sie, Home Office und Home Schooling parallel zu bewältigen. Die Schulen ihrer Kinder nutzen verschiedene Plattformen, um den Schülern Materialen zukommen zu lassen: Moodle, Kopano und E-Mails. Das Grundschulkind hat einmalig einen 3-Wochen-Plan mit Aufgaben ausgedruckt bekommen.
     

    Kevin ist Schüler einer 10. Klasse eines Gymnasiums und in der SMV sehr aktiv. Seine Schule nutzt ganz unterschiedliche technische Plattformen: viel läuft über die Schul-Emailadressen, Moodle, aber auch LiveJournal, Youtube und die Mediatheken von ARD und ZDF kommen zum Einsatz.
    Frau S. ist Lehrkraft an einer Realschule mit einem vollen Deputat in drei Fächern, darunter Deutsch. Als Klassenlehrerin muss sie nicht nur die Schülerinnen und Schüler mit Material versorgen, sondern auch den Kontakt zu den Eltern halten. Hierzu nutzt sie Microsoft OneDrive als Cloud-Speicher für das Arbeitsmaterial und die E-Mail-Adresse, Telefon und Skype für die Kommunikation mit den Eltern und den Kindern. Eine einheitliche Lösung an ihrer Schule gibt es bisher nicht. Zwar hat das Kollegium über mögliche gemeinsame Lösungen diskutiert, diese konnten aber so kurzfristig nicht mehr flächendeckend eingeführt werden, ohne die Lehrer und Schüler zu überfordern. Gleichzeitig war auch nicht klar, welche Dienste überhaupt zur Verfügung stehen oder überhaupt in solch großem Umfang genutzt werden können.
    Die Auslastung der Kinder von Frau B.  ist sehr unterschiedlich – das Grundschulkind hat ein gutes Pensum, der 8-Klässler zu viele Aufgaben, der 5-Klässler zu wenige. Insgesamt fehlen die Möglichkeiten zum Nachfragen, Frau B. würde sich echten Online-Unterricht wünschen, in dem die Lehrer wirklich unterrichten.
     
    So ähnlich geht es auch Kevin mit dem Fernunterricht: Kevin bewertet den Aufwand im Homeschooling als mittel, für etwa 3-4 Stunden pro Tag hat er Aufgaben, es ist aber zeitaufwändiger, wenn man etwas nicht versteht und bei den Lehrern per Mail nachfragen muss. Es ist schwierig, an den Vormittagen zu arbeiten, sagt er, da man kaum auf den Mailserver zugreifen kann, weil er überlastet ist.
     
    Frau S. bereitet das Material für die Nebenfächer wochenweise vor, für den Unterricht im Hauptfach hat sie das Material für drei Wochen zusammengestellt, was sehr aufwändig war. Ihre meiste Zeit nimmt die Korrektur von Aufgaben und Aufsätzen in Anspruch, aber auch der Kontakt mit den Familien nimmt einen großen Raum ein.
     
    Frau B. schildert, dass sie als Mutter am Anfang mit vielen technischen Problemen zu kämpfen hatte. Der Abruf von Mails, Logins, das Einscannen von Bildern oder Skypen musste den Kindern erst einmal nahe gebracht werden. Die Internetleitung von Familie B. knickt regelmäßig unter der hohen Belastung ein.
    Für Kevins Familie ergeben sich technische Probleme: wenn zum Beispiel auch die Eltern im Homeoffice den einzigen Familienrechner benutzen wollen, wird es kompliziert. Viele Arbeitsblätter müssten zur Bearbeitung ausgedruckt werden, aber nicht jeder habe einen Drucker zu Hause.
    Auch Frau S. nimmt die unterschiedlichen technischen Voraussetzungen in den Haushalten als schwierig wahr. Einigen Schülern hat sie das Material per Post zugesandt, da diese keine Internet und/oder keinen Drucker haben. Viele Testaufsätze erhält Frau S. als Bilddateien, die ihr im Handling besonders viel Arbeit machen.
    Frau S. macht sich Sorgen darüber, dass gerade schwächere Schülerinnen und Schüler beim selbstständigen Lernen Probleme zeigen. Eine große Rolle spielen hier die Eltern, die aber gerade mit der Doppelbelastung Home Schooling und Home Office überfordert sein können. Hier führt Frau S. viele Beratungsgespräche und gibt Hilfestellungen zu allen möglichen Tageszeiten – so gibt es momentan für sie keine Trennung mehr zwischen Berufs- und Privatleben, obwohl der Arbeitsaufwand in etwa gleich geblieben ist.

    Den Kindern von Familie B. bleibt jetzt mehr Zeit für Dinge, die sonst hinten anstehen: die Kinder spielen wieder Brettspiele, kochen und backen und haben sogar schon ihr kleines Gewächshaus im Garten bepflanzt. Sie helfen sich auch gegenseitig bei den Schulsachen. Dank der Überlastung des Internets sind sie auch nicht ständig online, obwohl die Kinder nach der Homeschoolingphase technisch viel fitter sein werden, was auch Kevin unterschreiben würde. Für ihn spielt auch eine wichtige Rolle, dass er gerade ein gutes Zeitmanagement entwickelt. Dies bejaht auch Frau S: bei Ihren Schülern wird durch das Homeschooling auch Selbstständigkeit und Organisationsfähigkeit gefördert.
     
    Alle drei Interviewpartner sind sich einig, dass die Schule Ihnen fehlt – das Miteinander zwischen den Kindern und Jugendlichen, aber auch das Wir-Gefühl der ganzen Schulgemeinschaft und die Arbeit auf der Beziehungsebene, die sich in vielen kleinen alltäglichen Interaktionen widerspiegelt.
     
    Für die Zukunft wünschen sich alle drei Interviewpartner, dass die digitale Entwicklung in den Klassenzimmern vorangetrieben wird. Neben einer vernünftigen Ausstattung sollen auch mehr digitale Inhalte für den Unterricht genutzt werden.

    Foto: Symbolbild Homeschooling; © WavebreakmediaMicro – stock.adobe.com