BfC - Frauenwahlrecht

100 Jahre Frauenwahlrecht – eine spannende Zeitspanne!

Bildquelle: www.frauenwahlrecht-bw.de/downloads/

Dieses und nächstes Jahr wird das Jubiläum „100 Jahre Frauenwahlrecht“ gefeiert. In vielen Städten werden dazu in den kommenden Wochen und Monaten von diversen Organisationen verschiedenartige Veranstaltungen stattfinden.

Auf einer eigenen Webseite www.frauenwahlrecht-bw.de hat das Ministerium für Soziales und Integration in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung, dem Landesfrauenrat und dem Verein Frauen & Geschichte vielfältige Informationen zu diesen Terminen und zur Historie des Frauenwahlrechtes zur Verfügung gestellt.

Wer von Ihnen kennt noch die Details über die Anfänge der Weimarer Republik im Jahr 1918? Ich habe mich seit meiner Schulzeit nicht mehr damit befasst. Doch die Recherche für diesen Artikel in diversen Internetarchiven machte richtig Spaß.

Im Herbst 1918 endete der erste Weltkrieg mit einer Niederlage für Deutschland. Obwohl sich die Niederlage deutlich abzeichnete und die Menschen erbärmlich hungerten, wollten Kaiser Wilhelm II. und die Oberste Heeresleitung nicht aufgeben. Durch Aufstände von Matrosen in Kiel entwickelte sich die sogenannte Novemberrevolution und der Kaiser wurde regelrecht zur Abdankung gedrängt.

Am 9. November 1918 wurde die Republik gleich doppelt ausgerufen: durch den SPD-Politiker Philipp Scheidemann als parlamentarische Republik und durch den Führer des Spartakusbundes Karl Liebknecht als freie sozialistische Republik Deutschland nach sowjetischen Muster. Der neue Reichskanzler Friedrich Ebert schrieb am gleichen Tag in seinem Aufruf „an die deutschen Bürger“, dass die neue Regierung eine Volksregierung sein werde.

Als Geburtsstunde des Frauenwahlrechtes in Deutschland kann der Aufruf des Rates der Volksbeauftragten vom 12. November 1918 angesehen werden. Dort heißt es: „alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystem für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen“.

Das Frauenwahlrecht wurde dann im „Gesetz über die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung“ vom 30.November 1918 verankert. Die vorher in Preußen übliche indirekte 3-Klassen-Wahl mit Wahlmännern, bei der das Einkommen des Wählers eine Rolle spielte, wurde jetzt durch eine direkte Wahl ersetzt. Durch die Herabsetzung des allgemeinen Wahlalters von 25 auf 20 Jahre in Kombination mit dem neuen Frauenwahlrecht hatte sich auch die Zahl der Wahlberechtigten vervielfacht.

Am 19. Januar 2019 schließlich fanden die ersten Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung der Weimarer Republik statt.

Die Wahlbeteiligung insgesamt lag bei bemerkenswerten 83 Prozent und die Wahlbeteiligung der Frauen alleine sogar bei 90 Prozent. Und im Ergebnis gab es knapp 10 Prozent weibliche Abgeordnete dieser ersten Nationalversammlung der Weimarer Republik. Dies ist doch beachtlich, wenn man bedenkt, dass der Frauenanteil im Landtag von Baden-Württemberg aktuell nur bei 25 Prozent und im deutschen Bundestag aktuell nur bei 31 Prozent liegt.

Die Verfassung des Deutschen Reichs - die Weimarer Reichsverfassung - vom 11.08.2019 legte schließlich in Artikel 109, Absatz 2 folgendes fest: "Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten".

Nach dem ersten Weltkrieg haben mehr Frauen eine bezahlte Tätigkeit wahrgenommen als je zuvor. Zum Teil geschah dies sicher aus purer wirtschaftlicher Notwendigkeit. Es entstanden aber auch neue Berufe für Frauen, z.B. derjenige der Sekretärin mit Stenoblock, Schreibmaschine und Telefon.

Diese Phase der goldenen Zwanziger mit einem in den Städten sehr progressiven, welt- und meinungsoffenen und teilweise ausgelassenen Leben hielt bekanntermaßen nur wenige Jahre. Aber die sich daran anschließende Zeit ist ein ganz anderes Thema.

Nach dieser kleinen Zeitreise frage ich mich, wie meine Großmutter, Jahrgang 1902, dieses für uns heute selbstverständliche Frauenwahlrecht damals erlebt hat. Im Jahr 1927 erhielt sie den Doktortitel in Physik. Statt jedoch den Weg in die Forschung einzuschlagen, heiratete sie meinen Großvater - einen Physiker - und hatte mit ihm neun Kinder. Sie starb vier Wochen vor dem eigenen hundertsten Geburtstag.

Ich hoffe, es braucht nicht mehr lang, bis Unterschiede im Geschlecht in unserem Berufsleben keine Rolle mehr spielen. Vielleicht gehört dazu, dass Zeiten des Erwerbslebens und Zeiten der Kindererziehung als gleichwertig angesehen und bezahlt werden?

Glücklicherweise können wir die Zukunft nicht vorhersehen, aber wir können sie ein bisschen mitgestalten.