Mann steht an der Enz und betrachtet den Bagger beim arbeiten

Naturnahe Gewässerentwicklung

Bäche und Flüsse sind die Lebensadern der Landschaft und übernehmen wichtige Funktionen im Wasser- und Naturhaushalt. Daher formuliert die EG-Wasserrahmenrichtlinie europaweit das Ziel des guten ökologischen und guten chemischen Zustands für die Gewässer. Um dies zu erreichen sind eine Fülle von Maßnahmen notwendig, um unsere Gewässer als Lebensraum für die hier heimische Artenvielfalt zu erhalten oder wiederherzustellen.

Auch wir Menschen profitieren von einer intakten Umwelt – nicht zuletzt dadurch, dass wir sie erleben und uns dort erholen können. Für den Erhalt und die Entwicklung unserer Gewässer ist der gesetzlich zuständige „Träger der Unterhaltungslast“ verantwortlich. An den Gewässern erster Ordnung sind dies die Landesbetriebe Gewässer an den Regierungspräsidien. Für die Gewässer zweiter Ordnung sind dies die Gemeinden.

Blick auf die Blau in Blaustein

Was ist ein Gewässer I. oder II. Ordnung?

Gewässer werden nach ihrer wasserwirtschaftlichen Bedeutung sowie den Bedürfnissen der Unterhaltung und des Hochwasserschutzes in Gewässer I. Ordnung und in Gewässer II. Ordnung eingeteilt. Gewässer I. Ordnung sind die Bundeswasserstraßen sowie die in der Anlage 1 zum Wassergesetz des Landes aufgeführten öffentlichen Gewässer. Alle anderen öffentlichen Gewässer sind Gewässer II. Ordnung.

Revitalisierung! Was versteht man darunter?

Unter Revitalisierung eines Gewässers werden bauliche Maßnahmen zur strukturellen Aufwertung verstanden, mit denen man die ökologische Funktionsfähigkeit des Gewässers durch die gezielte Schaffung von Habitatstrukturen verbessert bzw. wiederherstellt. Im Gegensatz zu einer Renaturierung kann der Gewässerabschnitt aber nicht wieder in einen gänzlich unbeeinflussten Zustand mit einem natürlichen Abflussgeschehen zurückgeführt werden.

Gewässerrenaturierung und Revitalisierung

Durch Ausbau und Begradigung haben unsere Gewässer ihre natürliche Struktur und damit ihre Lebensraumfunktion verloren. Eine monotone Gewässerstruktur mit einheitlichen Strömungsbedingungen lässt keine Umlagerungsprozesse von Feststoffen wie Kies und Totholz zu, dadurch fehlen vielfältige Strukturen, welche in einem natürlichen Gewässer die Lebensgrundlage vieler Arten bilden. Laufverkürzungen, die im Rahmen der Begradigung der Fließgewässer durchgeführt wurden, bewirken noch heute  erhöhte Fließgeschwindigkeiten, die auch zu einem Anstieg der Scheitelwerte bei Hochwasserabflüssen führen.

Die maßgeblichen Defizite der Gewässerstruktur können mit Hilfe von Renaturierungs- und Revitalisierungsmaßnahmen behoben werden. Vorrangiges Ziel ist es, den Flüssen und Bächen ihre natürliche Eigendynamik zurückzugeben. Bei einer Renaturierung wird versucht, dem Gewässer wieder eine möglichst freie Laufentwicklung mit einem naturnahen Abflussgeschehen zu ermöglichen, wodurch sich selbstständig eine vielfältige Ufer- und Sohlgestalt ausbilden kann. Dabei sind die Gewässer und Auen mit ihren Wechselbeziehungen als zusammenhängendes System zu betrachten.

Wiederherstellung der Durchgängigkeit

Fließgewässer sind offene Ökosysteme. Hierbei spielt die Ausbreitung von Fließgewässerlebewesen und deren Wanderung mit und gegen die Strömung eine große Rolle. Die Laichwanderungen vor allem von Wanderfischen wie Lachs, Meerforelle, Aal, Maifisch, Fluss- und Bachneunauge sind fester Bestandteil in deren Lebenszyklen.
Durch Wasserkraftnutzung und Ausbaumaßnahmen sind unsere Fließgewässer vielfach durch Regelungs- und Querbauwerke unterbrochen und aufgestaut. Sohlenabstürze, Wehre mit Stauhaltungen, Durchlassbauwerke und Verrohrungen beeinträchtigen das Abflussgeschehen.

Auch weiterhin sind die Gewässer für Fische und Kleinlebewesen vielerorts nicht durchgängig, ihre Wanderungen zu den Laich- oder Futter- und Nahrungsplätzen werden unterbrochen oder behindert. In der Vergangenheit standen bei der Errichtung dieser Anlagen oft nur technisch-hydraulische Kriterien im Vordergrund. Heute ist man bemüht unrentable und nicht mehr genutzte Anlagen rückzubauen. Weiterhin bestehende Wehranlagen und Sohlenabstürze sind naturnah und für die Wasserorganismen durchgängig umzugestalten.

Planungsgrundlagen für eine naturnahe Gewässerentwicklung

Fließgewässer dienen nicht nur den Tieren und Pflanzen als Lebensraum, sondern auch der sicheren Ableitung von Hochwasser, der Erhaltung und Sicherung der Wasserressourcen – vor allem eines günstigen Grundwasserhaushaltes –, dem Naturpotenzial der Landschaft entlang des Gewässers sowie der Freizeit- und Erholungsnutzung. Gewässer unterliegen aber auch einem großen Flächendruck und räumlichen Einschränkungen, v. a. durch Siedlungsflächen und Infrastruktur.

Bei einer Renaturierung oder Maßnahmen zur Hochwassersicherung sind deshalb zahlreiche Randbedingungen und Interessen zu beachten.  Das Leitbild für eine naturnahe Umgestaltung bildet der potenziell natürliche Gewässerzustand. Zielwert ist Gewässerstrukturklasse 1 bis 3 entsprechend dem Fließgewässertyp. Wo dies aufgrund fehlender Entwicklungsflächen nicht möglich ist, werden in sogenannten „Revitalisierungsmaßnahmen“ zielgerichtet fehlende Strukturen im Gewässerbett geschaffen. Dies erfordert aber meist kostspielige Baumaßnahmen und eine dauerhafte Unterhaltung.

Bewirtschaftungspläne und Gewässerentwicklungspläne

Um den guten ökologischen Zustand entsprechend der EG-Wasserrahmenrichtlinie zu erreichen, werden Bewirtschaftungspläne mit Maßnahmenprogrammen von den Flussgebietsbehörden bei den Regierungspräsidien aufgestellt, die u. a. ein hydromophologisches Maßnahmenpaket beinhalten, also Strukturmaßnahmen für die Wiederherstellung ökologisch funktionsfähiger Gewässer. Für diese werden aktuell über die Landesstudie Gewässerökologie in einem landesweit angewandten Verfahren Planungsgrundlagen geschaffen, um den notwendigen Maßnahmenumfang und geeignete Gewässerabschnitte zu definieren.

Ein weiteres, bereits etabliertes Planungsinstrument für das Zusammenspiel von Nutzungen und einer naturnahen Gewässerentwicklung sind Gewässerentwicklungskonzepte und Gewässerentwicklungspläne der Kommunen (Gewässer II. Ordnung) bzw. des Landes (Gewässer I. Ordnung). Diese Detailplanungen berücksichtigen insbesondere die örtlichen Rahmenbedingungen. Die in den Gewässerentwicklungsplänen empfohlenen Maßnahmen verbessern die ökologische Funktionsfähigkeit der Bäche und Flüsse, schaffen Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Erreichung des guten ökologischen Zustands unserer Fließgewässer. Diese Gewässerentwicklungspläne wurden bei der Erstellung der Bewirtschaftungspläne und Maßnahmenprogramme gemäß EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) berücksichtigt.

Handlungshilfe für die Gewässerunterhaltspflichten, Ingenieurbüros und unteren Wasserbehörden im gesamten Planungsprozess von Gewässerrevitalisierungsmaßnahmen

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